Wir zählen den 38. Tag.
Zurück vom Stadturlaub haben wir gottlob wieder ein funktionstüchtiges Fahrrad parat und drehen unsere Runden. Morgens zehn Minuten, nachmittags zwanzig, zum Abend nochmal fünf zu Fuß ums Lagerhaus für Pipikaka. Dazwischen irgendwann zwanzig Minuten Stallarbeit, ansonsten Hundeplatz im Auto oder im Haus oder bei Besuchen. Und der Pinscherin geht es damit sehr gut. Sie läuft am Fahrrad nun frei an der Leine – sehr zu Dantes Missvergnügen, denn die darf nun eigentlich nur noch ganz brav ganz hinten laufen, sonst nix. Spaß ist verboten, sonst kommt die kleine Rakete angeschossen und macht alles kaputt. SIE spielt nun die zweite Geige nach Sir Ennio - und Dante: Pfft! Soll die sich halt adoptieren lassen!
Dante ist traurig und mag nicht essen. Sie will nicht adoptiert werden! Sie ist hier in Wirklichkeit Zuhause und wollte nur nett und folgsam sein, als sie den Süßhund hier reingelassen hat! Den Ennio (der 1,5 kg Futter verputzen konnte, weil Dante den Blues hat: geil!) würde die kleine Ratte gern auch noch knacken, aber der ist irgendwie unantastbar. Gestern zum Beispiel. Es gibt im Raum vier Betten, auf denen ausschließlich Hunde Platz nehmen. Was die Pinscherin nicht weiß ist, dass eigentlich nur EINES davon für sie ist. Sie denkt: die beiden in der einen Hälfte sind für die Großen, die beiden in der anderen für sie. Die Großen haben es auch so aussehen lassen, denn was soll man sich zu Fremden in die Ecken kuscheln? Doch nun ist die Pinscherin ja auch nicht mehr so fremd. Drückt immer dreister ins Rudel. Und das dritte Bett ist meist unbenutzt, obwohl man es ganz gern hat. Es ist ein dickes Schaumstoffbetti, auf dem es sich vorzüglich liegen lässt. Außerdem, und das ist vermutlich das Ungeschickteste an der Sache: es steht am Kopfende vom Menschenbett. So wie das der Pinscherin, was zugegebenermaßen ein etwas größenwahnunterstützender Ort ist – doch logistisch einfach am praktikabelsten war…
Jedenfalls sollte Ennio dort wegbleiben. Sie hat kleine, weiße Reißzähne, die sie für solche Fälle auch auspacken kann. Ennio hat abgewartet, bis Frauchen das auch wirklich mitbekommt (Menschen neigen dazu unglaublich langsam zu sein, wenn sie auf Zack sein sollten) und ihr Machtwort sprechen kann. Frustrationstoleranz dehnen! Ennio legt sich auf das Schaumstoffbett und richtet sich gemütlich ein, die Pinscherin bebt. Es tippelt und piepst, kein Ort im Raum ist mehr geeignet, die innere Ruhe zu wahren, es ist zum...das geht doch nicht...was soll man dazu...wie kann der…!Verzweiflung macht sich breit. Denn: Angreifen ist keine Option. Sie ist ja nicht komplett verblödet. Sie kriegt schon mit, wie viel ihres Komforts auf der gedehnten Frustrationstoleranz der Großen aufgebaut ist.
Ich beobachte sie etwas entsetzt (Da! Zu langsam! Sie träumt wieder! sagt Ennio…) und kann nachvollziehen, dass man mit verzweifeln kann, wenn einem nicht klar ist, dass man es von Beginn an selbst verschlafen und sich eine Nervensäge gezogen hat. Einem agilen, neugierigen Lebewesen keine Anleitung zum Souverän sein an die Hand gibt und es in einem Zustand wirrer Emotionalität erwachsen werden lässt.
Meine Nerven sind gar nicht so gut, wie es manchem vielleicht scheinen mag. Ich würde eine Tinnitus-Töle (zumal, wenn diese auch tippelt und ich Laminatböden hätte!) auch ins Tierheim abschieben, wenn ich ihr einfach nicht Herr würde oder es nicht ertragen lernen könnte, meinen eigenen Hund versaut zu haben. Und ich mein Verhalten aber auch um nichts auf der Welt verändern wollen würde, schon gar nicht dem Hund gegenüber.
Meine Nerven sind gerade so gut, dass ich sie behalte, wenn jemand anderer in Verzweiflung gerät. Ich bin dann nicht zwangsläufig nett. Ich mache eine Ansage, damit klar ist, was als nächstes passiert um den Stress loszuwerden. Außerdem habe ich ja an der Pinscherin gar nichts verbrochen, ich kann also mit ihr umgehen wie mit einem ganz normalen Hund, der just nicht weiß, was er machen soll. Also sag‘ ich es: Hundeplatz und Schnauze halten, das wär‘s jetzt! Es liegen einfach nur überall irgendwelche Viecher herum, alles wie immer, kein Grund zur Aufregung.
Sie plappert los: Hundeplatz?! Welcher denn? Daneben liegt der Herr, als würde es so gehören...meinst Du unter dem Tisch? Ich: Äh-äh. Sie: an der Treppe, am Schreibtisch, vor dem Menschenbett, neben dem – Ich: Ääh...dann bleibt ja eigentlich nur, sagt sie, mein kleines Hundenest, neben dem der Herr...steigt ein, krümelt sich zu einem Kreis und ich sage: guuutes Mädchen, pinscheriges. So ist‘s recht. Und so wild, wie sie gekommen ist, verfliegt die Verzweiflung ganz simpel in einem tiefen Seufzer, während der Herr Ennio noch ein wenig auf dem Schaumstoffbetti herumliegt.